Wie fühlt es sich an/wie ist es, ein Erinnerungsstück zu erhalten?

Der schönste Moment für mich ist, wenn ich ein Erinnerungsstück persönlich überreichen darf. Wenn ich diese Freude sehe, dabei bin, wie die Kunden vor Emotionen gerührt sind, das macht mich stolz und auch ein bisschen glücklich. Die Teile werden gestreichelt, an sich gedrückt und sofort ins Herz geschlossen. In ihren Köpfen sehen sie Bilder, Erinnerungen an Personen und Ereignisse aus der Vergangenheit, die nun sofort wieder präsent sind. Erinnerungsstücke haben symbolische Wirkungskraft, jedes seine ganz eigene. Das Symbol eines einzigartigen Erinnerungsstückes gibt seine Kraft an seinen Besitzer ab. Diese spürt nur derjenige, oder diejenigen, die die Geschichte des Erinnerungsstückes kennen. Es ist etwas ganz Persönliches. Durch die Stofflichkeit, kann man sozusagen die Gefühle greifen, anfassen, mitnehmen.

Ute, die ich seit der 5. Klasse kenne und mit der ich immer noch befreundet bin, ist eine der ersten, der ich ein Erinnerungsstück genäht habe. Ihr ist Folgendes widerfahren und sie erzählt hier: „Mein Bruder war erst 14 Jahre alt und ich 15, als er als Beifahrer auf dem Motorrad eines Freundes tödlich verunglückte. Mir blieben von ihm ein kleiner Teddy und ein einfaches rotes T-Shirt. Jedes mal, wenn ich mit meiner Familie umzog — und das passierte wirklich häufig — hatte ich Angst, dass das „schäbige“ alte T-Shirt versehentlich in einem Altkleidersack verschwinden könnte und damit auch endgültig die Möglichkeit, es an mich zu drücken, als wäre es mein geliebter Bruder. Heute, 30 Jahre später, halte ich ein wunderschönes rotes Kissen in den Händen genäht aus dem T-Shirt, dass ich über all die Jahre wie einen Schatz gehütet hatte. Für mich bedeutet dieses Erinnerungsstück ein kleines Stückchen Glück und dafür bin Gundula von Herzen dankbar.“

Ute verschenkte selbst ein Erinnerungskissen an ihre Schwiegertochter und schrieb mir anschließend eine Nachricht. Ich könne mir gar nicht vorstellen, was ich mit diesem Kissen, genäht aus der Kleidung des geliebten Opas, ausgelöst hätte. Die Schwiegertochter hätte sich sooo sehr gefreut, dass Utes Mann, der anwesend und eigentlich eher skeptisch war, eine Gänsehaut am ganzen Körper bekommen hat.

Eine andere Kundin fragte mich, als sie ihr Erinnerungsstück, eine Schmetterlingspuppe, in Empfang genommen hatte und sich wieder auf den Heimweg machen wollte: „Darf ich Sie einmal drücken?“. Das fand ich wirklich rührend. Eigentlich ging „drücken“ nämlich gar nicht, denn es war ein deutscher Tropentag, 29 Grad und 90% Luftfeuchte. Aber diese Berührung tat uns beiden gut. Ihr, weil sie ihre Gefühle körperlich ausdrücken konnte und mir, weil ich mitbekam, wie sehr sie sich freute.

Meiner Mutter nähte ich nach über 20 Jahren ein Kissen aus den Sachen meines verstorbenen Vaters, welche sie immer noch aufgehoben hatte. „Wenn ich das Kissen sehe, sehe ich Vati vor mir. Diesen Pulli und das Hemd trug er so gerne.“ Sie hat das Kissen auf der Couch liegen und „schont“ es, setzt sich also nicht achtlos darauf. Das ist so, wie mit dem guten Geschirr im Schrank, sie nimmt es nur zu besonderen Anlässen.

Eine weitere Kundin schrieb mir nach dem Erhalt der Patchworkdecke, die ich aus den Sachen ihres Vaters genäht hatte: „Als ich das Paket öffnete, war es, als ob ein Stück Papa zurückgekehrt wäre.“

In dem Fernsehauftritt bei RTL – West von 2017 sieht man, wie ich Frau Crefeld eins von zwei Erinnerungskissen überreiche. Hier der Link zur Sendung:

http://www.rtl-west.de/beitrag/artikel/schneiderin-fuer-erinnerungen/

Frau Crefeld beschreibt es so: „Es ist mehr als nur ein Foto, eine Abbildung von jemandem. Ein Erinnerungsstück kann man anfassen, BE-rühren, BE-greifen. Beide Kissen liegen auf meinem Bett. Abends streiche ich darüber und sage: „Gute Nacht, Mama.“ 

Ein Teil von dir, bleibt bei mir!

So soll es sein, in diesem Sinne!