Leon geht auf Reisen – Worte einer trauernden Mama
leon_gehtaufreisen so heißt der Instagram-Account von Silvia, die ihren geliebten Leon mit nur 18 Jahren verloren hat. Sie postet fast täglich Bilder Ihres Sohnes und versucht damit einen Weg durch ihre Trauer zu finden – ihren eigenen. Viele Leute folgen ihr und nehmen Teil an dem jetzigen Leben der Familie – OHNE Leon. Sie nehmen Leon in Form eines Fotos mit auf ihre eigenen Reisen, so kommt er virtuell weit rum, auf dieser irdischen Welt. Ein schöner Gedanke, wie ich finde. Seit dem Tod von Leon hat sich alles für Silvia und ihre Familie geändert, ihre Welt steht seit dem 18.03.2023 still, schreibt sie. Das kann ich gut nachvollziehen, denn ich selbst habe meine kleine Tochter Jule vor 27 Jahren, kurz vor ihrer Geburt, verloren und sogar nach all dieser Zeit, fällt mir das Schreiben darüber heute noch schwer. Es reißt auch heute noch eine Wunde in mir auf, die nie verheilt ist. Die Trauer, die Silvia und ihre Familie spürt, kann ich erahnen, aber kaum in Worte fassen. Ich versuche es trotzdem einmal.
Jeder, der sein Kind verliert, erlebt den schlimmstmöglichen Schmerz
Ich glaube für Eltern spielt es keine Rolle, wie alt ihr Kind war oder woran es gestorben ist. Jeder, der sein Kind verliert, erlebt den schlimmstmöglichen Schmerz – unabhängig vom Alter oder der Ursache. Das Herz eines Elternteils kennt diesen Unterschied nicht. Ob das Kind in der Schwangerschaft stirbt oder als Erwachsener – der Verlust bleibt unermesslich. Das Einzige, was bleibt sind die Liebe zu seinem Kind und – wenn man sie hat – die Erinnerungen.

Eine Patchworkdecke aus Leons Sachen hilft ihr bei der Trauer
Silvia nähte ich eine Patchworkdecke aus den Sachen von Leon.
Als Mama von 3 erwachsenen Söhnen flossen beim Nähen auch bei mir die Tränen, das lässt mich nicht unberührt. Die Kleidung, die er bei dem Unfall trug, war in einem separaten Beutelchen, mit der Aufschrift: WICHTIG!
Der Schmerz steckte in jedem Teil, ich konnte ihn spüren.
Ich habe all seine Sachen zusammengefügt zu einer Decke und jedes Patch kann eine Geschichte über Leon erzählen. Ich bekam 2 kleine Schmetterlinge von Silvia, die auf meinem Schreibtisch stehen. Letztens fiel mein Blick wieder darauf und ich schrieb Silvia an und fragte, ob sie mit der Decke zufrieden sei und mit ihr ein bisschen Trost finden würde.
Silvia schrieb mir folgende Worte als Antwort zurück, die ich hier veröffentlichen darf. Sie sind an alle gerichtet, denen es ähnlich geht und die es interessiert:
„Danke Gundula, dass es DICH gibt“
Ich mag mich kurz vorstellen ich heiße Silvia, bin verheiratet und habe 3 wundervolle Kinder. Im Jahr 2023 erlitten wir einen schweren Schicksalsschlag. Es ist das passiert, wovor man als Eltern die größte Angst hat. Ich verlor meinen geliebten jüngsten Sohn, 18 Jahre alt, durch einen schweren Unfall. Ab da an steht unsere Welt still und es ist ein täglicher Kampf des Überlebens hier auf Erden geworden. ERINNERUNGEN an das geliebte Kind zu haben, ist das Wertvollste und Wichtigste, hier auf Erden. JA, DIE ERINNERUNG UND DIE LIEBE! Ich möchte euch erzählen, wie ich auf Gundula getroffen bin. Mein Herzensmensch Andrea, meine beste Freundin seit über 20 Jahren, hat mich und meine Familie vom ersten Tag an, unseres Schicksalsschlags begleitet. Andrea sprach mit mir über die Erinnerungsschneiderei von Gundula. Ich schaute mir Gundula’s Instagram Account an und war so ergriffen von der Idee, was Gundula für Angehörige schafft. Es war für mich direkt klar, ich möchte eine Patchworkdecke schneidern lassen. Die Patchworkdecke ist wundervoll geworden. Ich war so ergriffen, als ich das Paket geöffnet hatte. Wenn meine Traurigkeit mich wieder ergriffen hat, nehme ich die Decke in die Arme und drücke sie ganz feste an mich, oder lege sie um mich. Dann fühle ich mich meinem geliebten Sohn so nah. Die Decke gibt mir Trost und Kraft. Danke liebe Gundula für deine einfühlsame und liebevolle Art. Danke für deine tolle Arbeiten.
Danke, dass es dich gibt!
Freunde und Angehörige fühlen sich oft hilflos, was können sie tun?
Silvia hat ihre gute Freundin Andrea, die ihr zur Seite stand und immer noch tut, sie muss ein Goldschatz sein. Freunde und Angehörige stehen nämlich oft hilflos daneben, doch eines können sie tun: da sein. In den ersten Wochen scheint nichts wirklich helfen zu können, weil nichts die Wirklichkeit verändert. Es ist ein Überlebenskampf. Eltern und auch Geschwister, müssen ihren eigenen Weg durch diesen Schmerz finden. Doch sie brauchen Menschen, die bleiben – so wie Andrea – die nicht versuchen, den Verlust kleinzureden, sondern ihn mit ihnen tragen. Die zuhören, schweigen, aushalten. Die da sind, wenn Worte fehlen. Manchmal reicht eine Geste: etwas zu Essen vor der Tür, eine Nachricht, die zeigt, dass man an sie denkt. Oder einfach ein offenes Ohr – auch mitten in der Nacht.

Was sagt man zu Trauernden?
Wenn Worte fehlen, ist es besser, nichts zu sagen, als die falschen Worte zu finden. Man kann weinen, in den Arm nehmen, einfach nur da sein. Und vor allem: Das Kind nicht verschweigen. Seinen Namen nennen, Erinnerungen teilen. Manche fürchten, das mache die Eltern noch trauriger. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie denken ohnehin immer an ihr Kind – und es tut gut zu wissen, dass auch andere es nicht vergessen. Denn wenn niemand mehr von ihm spricht, stirbt es ein zweites Mal.
Der Verlust eines Kindes ist unbegreiflich. Für die Eltern bleibt die Welt für immer verändert, ein tiefer Riss zieht sich durch ihr Leben. Ein Kind zu verlieren, bedeutet nicht nur, einen geliebten Menschen zu verabschieden – es ist, als würde ein Teil des eigenen Herzens herausgerissen. Der Schmerz ist überwältigend, nichts fühlt sich mehr sicher oder heil an. Die ganze Familie ist tief verwundet, und für viele Eltern fühlt es sich an, als sei das Weiterleben kaum möglich. Alles, was vorher wichtig erschien, wird bedeutungslos, rückt in den Hintergrund.
Ein Kind verlässt nicht nur unseren Weg – es verlässt unser Innerstes – unser Herz
Der Tod eines Kindes ist ein Abschied zu einer Zeit, die sich falsch anfühlt. Es ist kein natürlicher Verlauf des Lebens, sondern eine Erschütterung, die alles ins Wanken bringt. Wenn wir einen anderen Menschen verlieren, dann fehlt er uns an unserer Seite. Doch ein Kind verlässt nicht nur unseren Weg – es verlässt unser Innerstes, unser Herz.

Die Trauer steigert sich ins Unermessliche. Eine Leere, die alles verschlingt. Hoffnungslosigkeit, weil die Zukunft mit dem Kind erloschen ist. Schuldgefühle, weil man nichts tun konnte. Wut, Neid, Verzweiflung – all diese Emotionen haben ihre Berechtigung. Doch in all dem Chaos bleibt eine Konstante: die Liebe. Sie vergeht nicht, sie wird oft sogar noch intensiver gespürt. Und mit der Zeit kann es möglich werden, auch wieder gute Gefühle zuzulassen – wenn sich Eltern erlauben, sie zu fühlen.
Meine Erinnerungsstücke haben oft eine heilende Wirkung in der Trauer
Trauer verläuft in Phasen, doch sie ist kein abgeschlossener Prozess. Schock, Verzweiflung und das Nicht-Wahrhaben-Wollen bestimmen die erste Zeit. Irgendwann dringt die Erkenntnis durch: Dies ist jetzt die Realität, in der das eigene Leben weitergehen muss. Doch dieser Weg ist lang und voller Rückschläge. Man klammert sich an jeden Strohalm, um diesen Schmerz zu lindern. Meine Erinnerungsstücke, vor allem die Decken, in die man sich einkuscheln kann, trösten dabei und haben oft eine heilende Wirkung. Eingewickelt in sie, kann man loslassen und sich dabei umarmt fühlen.
Es gibt keine feste Zeitspanne für Trauer – und erst recht keine für den Verlust eines Kindes. Der Schmerz bleibt, er verändert sich nur mit der Zeit. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das Leben, so abgedroschen es klingt, geht gnadenlos weiter. Ich habe meine Erinnerungsschneiderei gegründet, weil ich an die Wirkung meiner Erinnerungsstücke glaube und weil ich ein bisschen trösten möchte, wenn alles ausweglos scheint.