Die heilende Kraft der Kreativität

Wenn Hände das ausdrücken, wofür Worte fehlen

Trauer ist ein Gefühl, das oft keinen Ausdruck findet. Es ist ein Sturm im Inneren, für den es keine Worte gibt. Doch manchmal kann die Seele atmen, wenn die Hände etwas erschaffen. Wenn man näht, malt, schreibt, töpfert oder auf andere Weise kreativ wird – dann fließt der Schmerz in eine Form, die Bestand hat.

Es gibt viele Menschen, die ihre Trauer durch Kreativität verarbeiten. Sie stellen eigene ganz persönliche Erinnerungsstücke her. Sie nähen Kissen, gestalten Collagen und Fotobücher, malen Bilder, die ihre Emotionen widerspiegeln, sie töpfern, sie trommeln, sie tanzen oder sie schreiben – Briefe an ihre Liebsten, Gedanken über das, was war, und das, was nie sein wird. So viele verschiedene Möglichkeiten gibt es, um Erinnerungen festzuhalten, der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Fotoalbum

Als mein Vater vor mehr als 35 Jahren starb, gab es noch keine Handys, keine digitalen Fotogalerien, in denen man Erinnerungen festhalten konnte. Ich habe mir meine eigenen Erinnerungsstücke geschaffen: Ich gestaltete ein Fotoalbum, bestickte den Einband mit meinen Händen, als wäre es eine Liebeserklärung an meinen Vater. Ich schrieb Gedichte und Texte hinein, mit echter Tinte auf Papier – und vergoss dabei unzählige Tränen.

sticken

Als ein paar Jahre später meine kleine Tochter Jule kurz vor ihrer Geburt starb, war ich komplett überfordert. Eine sehr empathische Hebamme, die einen ähnlichen Verlust erlebt hatte, riet mir, Fotos machen zu lassen. Erst war ich gegen diesen Gedanken, aber nun bin ich froh darüber. Auch für Jule machte ich ein kleines Album, in dem gefühlt aller Schmerz dieser Welt liegt. Es ist ein Beweis dafür, dass es sie gab. Ultraschallaufnahmen vom Anfang der Schwangerschaft, Fotos nach der Geburt, kleine Hand- und Fußabdrücke und Bilder der Beerdigung – es ist nicht viel, aber es ist mein wertvoller Schatz. Dieses Album zu gestalten, war für mich ein Ventil, mein Weg, mit dem unermesslichen Verlust umzugehen.

Auf die Gestaltung ihres Grabes, legen meine Mutter und ich viel Wert. Beide – mein Vater und meine Tochter – liegen in einem gemeinsamen Grab. Dieses pflegen wir und lassen uns mehrmals im Jahr eine schöne Blumendekoration einfallen. Anfangs war der Weg dorthin nicht einfach, aber der Besuch war wichtig und schützte mich vor der Angst des Vergessens. Etwas dort zu pflanzen und zu sehen wie es sich entwickelt und blüht, ist immer eine sehr schöne Erfahrung.

malen

Auch das Malen wurde für mich ein Ausdruck meiner Trauer

In meinen Bildern spiegeln sich meine Sehnsucht, mein Schmerz, aber auch die unendliche Liebe zu meinem Kind wieder. Zunächst entstanden kleine Herzbilder, die in abstrakter Form die Zeit meiner Schwangerschaft bis hin zu ihrem Tod darstellten. Sie waren farbenfroh, und niemand außer mir erkannte den tieferen Sinn dahinter – genau das war meine Absicht. Für mich erzählten sie die Geschichte meines Mädchens, eine Geschichte, die an meiner Wohnzimmerwand hing und mir Trost schenkte. Es tat mir gut, ihr kurzes Leben auf diese Weise festzuhalten.

Bis heute male ich. Ich liebe es, mit Farben zu experimentieren, mich von meinen Gefühlen leiten zu lassen und dabei immer wieder Neues zu entdecken. Jeder Pinselstrich ist ein Ausdruck meines Innersten, und oft überrascht mich selbst, welches Bild am Ende entsteht. Wen es interessiert, erfährt hier mehr.

Alle Verluste, die ich erlebt habe, haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin

Alle Verluste, die ich erlebt habe, haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Vor diesem Hintergrund gründete ich meine „Erinnerungsschneiderei Gloria & Apollo“. Erinnerungsstücke aus der getragenen Kleidung von Lieblingsmenschen bewahren Nähe.

Da viele Menschen nicht die Fähigkeit oder die Zeit haben, selbst zu nähen, übernehme ich es für sie. Sie suchen die bedeutungsvollsten Kleidungsstücke ihrer Liebsten zusammen – ein kreativer und trauerverarbeitender Akt für sich – und schicken sie mir. Dann entsteht daraus ihr ganz persönliches Erinnerungsstück. Mit jedem dieser Stücke – sei es ein Kissen, eine Puppe oder eine Decke – verarbeite ich auch ein wenig meine eigene tief in mir schlummernde Traurigkeit. Ich spüre die emotionale Energie, mit der diese Stoffe aufgeladen sind und bekomme oft eine Gänsehaut beim Verarbeiten. Es erfüllt mich mit Zufriedenheit, wenn ich dankbare und liebevolle Rückmeldungen erhalte. Diese sind wie Applaus für meine Seele, ein Ansporn, der mich glücklich macht. Mit meinen Händen erschaffe ich etwas Einzigartiges – etwas, das keine KI ersetzen kann – für Menschen, die mir zunächst fremd sind, aber durch diesen Prozess so nah werden.

Warum hilft kreatives Schaffen in der Trauer?

Warum hilft kreatives Schaffen in der Trauer? Wenn wir etwas mit unseren eigenen Händen erschaffen, bewahren wir Erinnerungen auf eine besondere Weise. Es gibt uns die Möglichkeit, das, was uns am meisten fehlt, festzuhalten und sichtbar zu machen, so wie meine Herzbilder. Trauer ist oft unsichtbar für andere, doch ein gemaltes Bild, ein genähtes Erinnerungsstück oder ein geschriebener Text können die Liebe und den Verlust greifbar machen. Nach einem Schicksalsschlag fühlt sich vieles im Leben fremdbestimmt an, doch durch kreatives Schaffen gewinnen wir ein Stück Kontrolle zurück. Wir spüren, dass wir wieder gestalten können – sei es beim Malen, Nähen oder sogar beim Zubereiten einer besonderen Mahlzeit für unsere Familie, die uns weiterhin braucht. Kreativität hilft, ins Handeln zu kommen, Gedanken zu ordnen und innere Ruhe zu finden. Sie kann auch zu einem heilsamen Ritual werden, einer bewussten Verbindung zu dem, der fehlt, und zu uns selbst.

schreiben

Schreiben hilft das Chaos im Kopf zu ordnen

Möglichkeiten gibt es viele: Malen und Zeichnen geben Gefühlen Raum, während Schreiben – in Form eines Tagebuchs, von Briefen oder Gedichten – hilft, das Chaos im Kopf zu ordnen. Seit vielen Jahren schreibe ich Tagebuch, es gehört täglich dazu, wie Zähneputzen und tut mir gut.

Fazit:

Kreatives Schaffen kann in der Trauer eine heilsame Wirkung entfalten, indem es uns ermöglicht, Erinnerungen zu bewahren, Gefühle sichtbar zu machen und ein Stück Kontrolle zurückzugewinnen. Jeder Mensch trauert anders, und nicht für jeden ist Kreativität der richtige Weg. Doch vielleicht kann sie eine Brücke sein – ein kleiner Lichtblick in dunklen Stunden. Es ist wichtig, den individuellen Weg zu finden, der am besten dabei hilft, mit dem Verlust umzugehen.​ Mein Weg war es und wird es immer sein.

Beitrag teilen:

Weitere Blog-Beiträge

Nach oben scrollen