Wie fühlt es sich an — wie ist es — ein Erin­ne­rungs­stück zu erhal­ten?

Der schöns­te Moment für mich ist, wenn ich ein Erin­ne­rungs­stück per­sön­li­ch über­rei­chen darf. Wenn ich die­se Freu­de sehe, dabei bin, wie die Kun­den vor Emo­tio­nen gerührt sind, das macht mich stolz und auch ein biss­chen glück­li­ch. Die Tei­le wer­den gestrei­chelt, an sich gedrückt und sofort ins Herz geschlos­sen. In ihren Köp­fen sehen sie Bil­der, Erin­ne­run­gen an Per­so­nen und Ereig­nis­se aus der Ver­gan­gen­heit, die nun sofort wie­der prä­sent sind. Erin­ne­rungs­stü­cke haben sym­bo­li­sche Wir­kungs­kraft, jedes sei­ne ganz eige­ne. In der Phi­lo­so­phie ist ein Sym­bol ein Erken­nungs­zei­chen, eine ein­fa­che Form, aber reich und tief im Sinn. Im All­ge­mei­nen ver­seht man unter einem Sym­bol ein wahr­nehm­ba­res Zei­chen bzw. Sinn­bild, das stell­ver­tre­tend für etwas nicht Wahr­nehm­ba­res auch Gedach­tes steht. Das Sym­bol kann mit einer beson­de­ren Wahr­neh­mung einen tie­fe­ren Sinn aus­drü­cken oder andeu­ten, es gibt sie in allen Berei­chen unse­res Lebens und sie sind nicht mehr weg­zu­den­ken. Das Sym­bol eines ein­zig­ar­ti­gen Erin­ne­rungs­stü­ckes, gibt sei­ne Kraft an sei­nen Besit­zer ab. Die­se spürt nur der­je­ni­ge, oder die­je­ni­gen, die die Geschich­te des Erin­ne­rungs­stü­ckes ken­nen. Es ist etwas ganz Per­sön­li­ches. Durch die Stoff­lich­keit, kann man sozu­sa­gen die Gefüh­le be–grei­fen, anfas­sen, mit­neh­men.

Ute, die ich seit der 5. Klas­se ken­ne und mit der ich immer noch befreun­det bin, ist eine der ers­ten, der ich ein Erin­ne­rungs­stück genäht habe. Ihr ist Fol­gen­des wider­fah­ren und sie erzählt hier: „Mein Bru­der war erst 14 Jah­re alt und ich 15, als er als Bei­fah­rer auf dem Motor­rad eines Freun­des töd­li­ch ver­un­glück­te. Mir blie­ben von ihm ein klei­ner Ted­dy und ein ein­fa­ches rotes T-Shirt. Jedes mal, wenn ich mit mei­ner Fami­lie umzog — und das pas­sier­te wirk­li­ch häu­fig — hat­te ich Angst, dass das „schä­bi­ge“ alte T-Shirt ver­se­hent­li­ch in einem Alt­klei­der­sack ver­schwin­den könn­te und damit auch end­gül­tig die Mög­lich­keit, es an mich zu drü­cken, als wäre es mein gelieb­ter Bru­der. Heu­te, 30 Jah­re spä­ter, hal­te ich ein wun­der­schö­nes rotes Kis­sen in den Händen…genäht aus dem T-Shirt, dass ich über all die Jah­re wie einen Schatz gehü­tet hat­te.
 Für mich bedeu­tet die­ses Erin­ne­rungs­stück ein klei­nes Stück­chen Glück und dafür bin Gun­du­la von Her­zen dankbar.“Ute ver­schenk­te selbst ein Erinnerungs­kissen an ihre Schwie­ger­toch­ter und schrieb mir anschlie­ßend eine Nach­richt auf mein Han­dy. Ich kön­ne mir gar nicht vor­stel­len, was ich mit die­sem Kis­sen, genäht aus der Klei­dung des gelieb­ten Opas, aus­ge­löst hät­te. Die Schwie­ger­toch­ter hät­te sich sooo sehr gefreut, dass Utes Mann, der anwe­send war und eigent­li­ch eher skep­ti­sch, eine Ganz­kör­per-Gän­se­h­aut bekom­men hat.

Eine ande­re Kun­din frag­te mich, als sie ihr Erin­ne­rungs­stück, eine Schmet­ter­lings­pup­pe, in Emp­fang genom­men hat­te und sich wie­der auf den Heim­weg machen woll­te: „Darf ich Sie ein­mal drü­cken?“ Das fand ich wirk­li­ch rüh­rend. Eigent­li­ch ging „drü­cken“ näm­li­ch gar nicht, denn es war ein deut­scher Tro­pen­tag, 29 Grad und 90% Luft­feuch­te. Aber die­se Berüh­rung tat uns bei­den gut. Ihr, weil sie ihre Gefüh­le kör­per­li­ch aus­drü­cken konn­te und mir, weil ich mit­be­kam, wie sehr sie sich freu­te.

Mei­ner Mut­ter näh­te ich nach über 20 Jah­ren ein Kis­sen aus den Sachen mei­nes Vaters, wel­che sie immer noch auf­ge­ho­ben hat­te. „Wenn ich das Kis­sen sehe, sehe ich Vati vor mir. Die­sen Pul­li und das Hemd trug er so ger­ne.“ Sie hat das Kis­sen auf der Couch lie­gen und „schont“ es, setzt sich also nicht acht­los dar­auf. Das ist so wie mit dem guten Geschirr im Schrank, sie nimmt es nur zu „beson­de­ren Anläs­sen“.

In dem Fern­seh­auf­tritt bei RTL- West von 2017 sieht man, wie ich Frau Crefeld eins von zwei Erinnerungs­kissen über­rei­che. Hier der Link zur Sen­dung:

http://www.rtl-west.de/beitrag/artikel/schneiderin-fuer-erinnerungen/

 

 

 

Frau Crefeld beschreibt es so: „Es ist mehr als nur ein Foto, eine Abbil­dung von jeman­dem. Ein Erin­ne­rungs­stück kann man anfas­sen, BE-rüh­ren, BE-grei­fen. Bei­de Kis­sen lie­gen auf mei­nem Bett. Abends strei­che ich dar­über und sage: „Gute Nacht, Mama.“ Und Frau P. schrieb mir nach dem Erhalt der Lebens­de­cke, die ich aus den Sachen ihres Vaters genäht hat­te: „Als ich das Paket öff­ne­te, war es als ob ein Stück Papa zurück­ge­kehrt wäre.“

Die ande­ren Kom­men­ta­re könnt ihr in der Rubrik Kun­den lesen, die ich mal wie­der auf den neus­ten Stand brin­gen müss­te…

Ein Teil von dir, bleibt bei mir!

So soll es sein, in die­sem Sin­ne!